Gleichstellung im Schneckentempo

Artikel vom 30.12.2018, Ursina Merkler:

Heute ist es fast unvorstellbar, dass in der Schweiz vor 1971 Frauen nicht abstimmen und wählen durften. Fast ganz Europa hat das Frauenstimmrecht vor uns eingeführt.

Die Aufnahme des Gleichstellungsartikels (mit Grundsatz der Lohngleichheit) in die Schweizerische Bundesverfassung erfolgte sogar erst 1981. Das Gleichstellungsgesetz (GlG), welches den Verfassungsauftrag zur Gleichstellung für das Erwerbsleben konkretisiert, ist seit 1996 in Kraft.

Diskriminierung im Erwerbsleben

Klagen auf Basis des Gleichstellungsgesetzes sind sehr selten. Bei den meisten Betroffenen ist die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, sowie vor Exponierung, Mobbing und Hindernissen für die künftige Berufslaufbahn zu gross.

Im Ausland hat man gute Erfahrungen gemacht mit Behörden, die auch aus eigener Initiative Untersuchungen durchführen und Prozesse vor Gericht bringen können. Dies gilt insbesondere auch für die Lohngleichheit.

Lohndiskriminierung

In der Privatwirtschaft beträgt die durchschnittliche Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern rund 20%. Rund 60% dieser Differenz können durch objektive Faktoren wie Alter, Ausbildung, Dienstalter, Arbeitsstelle im Unternehmen oder ausgeübte Tätigkeit erklärt werden. Die anderen 40% davon müssen als reine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts betrachtet werden. Allein diese 40% machen pro Monat rund CHF 600.- aus.

Im Juli 2017 verabschiedete der Bundesrat die Botschaft zur Änderung des Gleichstellungsgesetzes, welches Arbeitgeber*innen mit mindestens 50 Mitarbeitenden dazu verpflichtet, Lohngleichheitsanalysen durchzuführen. Es sind jedoch keine Sanktionen vorgesehen für Unternehmen, die keine Lohnanalyse durchführen.

Haben wir aus den 36 Jahren warten auf Lohgleichheit immer noch nicht gelernt, dass eine Aufforderung zur Lohngleichheit – die bei Nichtbefolgen keine Sanktionen nach sich zieht – nicht zum gewünschten Erfolg führt?